... und eine BDSM-Beziehung

Es gehörte schon seit langem zu meinen sehnlichsten Wünschen in einer BDSM-Beziehung zu leben und die weitaus möglich auch im realen Leben einzugliedern ohne Provokation der bürgerlichen Gesellschaft, denn eine Show für andere brauche ich nicht und die Ablehnung durch Provokation ebenso wenig. Ich war lange jedoch nicht bereit mich soweit fallen zu lassen und die Verantwortung und Eigenständigkeit dafür aufzugeben.

 

Voraussetzung für eine funktionierende BDSM-Beziehung sind gegenseitige Achtung, volles Vertrauen, Zuneigung und Respekt. Den Respekt meine ich dabei durchaus auf beide Personen bezogen. Zudem jemand der mich als geschätzten und wertvollen Besitz betrachtet und mich kennt, wird alles daran etzen, dass es mir gut geht und ich keinen Schaden nehme und dabei ebenfalls seine Erfüllung finden (Grundprinzip des BDSM). Er wird seinen Besitz hegen und pflegen und stolz sein, wie er wächst und gedeiht und ihm dadurch Annehmlichkeiten und Freude bereitet, ihn glücklich und zufrieden macht. Und dadurch kann auch ich dasselbe empfinden. Das VERTRAUEN als Basis, das ich zu meinem Gegenüber besitze, schenkt mir auch die Überzeugung, dass er mich nie nur als Objekt, sondern weiterhin als Mensch und Individuum sieht und respektiert, obwohl ich meine eigenen Persönlichkeitsrechte gleichsam ihm überantwortet habe.

 

Wenn ich also diesen Weg gehe, sehe ich mich auf einem Pfad grenzenloser Vorstellung und Bewusstseinserweiterung. Dies beinhaltet für beide grosse Chancen aber auch Gefahren. Letzteres gilt es bestmöglich durch Absprachen zu vermeiden. Nur so werden wir beide zu unseren innersten ICH finden und dabei Erfüllung und Liebe empfinden. Hier zeigt sich ebenfalls einmal mehr, dass BDSM überhaupt nur so möglich sein kann, da der eine ohne den anderen nicht auskommt und nur ein GEMEINSAM zum gewünschten Ziel führt.

 

Im März 2003 habe ich es geschafft und den Grundstein für diese Lebensform gelegt, indem ich freiwillig meinen damaligen Lebenspartner auserwählt habe, meine Person des VERTRAUENS mein Master zu sein. Er überlegte sich dies gut. Er war von meinem Wunsch und Vorschlag begeistert und wollte die entsprechende Verantwortung übernehmen. So wurde mein damaliger Master offiziell am 20.03.2003 meine Person des VERTRAUENS und er trug die Verantwortung für mich als seinen sklaven michi.

 

Es gab keinen Menschen auf dieser Welt, dem ich mehr vertraute und der mich besser kannte als er. Es war auch er, der damals dastand und seine Arme offen mir entgegenhielt und seine Hilfe angeboten hat, als ich ganz dringend eine „starke Hand“ brauchte, die mich begleitet und mir ein Zuhause schenkte, wo ich mich geborgen und aufgehoben fühlen konnte. Er und ich hatten eine Lebensweise entdeckt, die unsere bestehende Partnerschaft bereicherte und uns ganz neue Erfahrungen und Eindrücke geschenkt hatten. Und ich hatte mich endlich für den Weg entschieden, wo ich mich ganz „fallen lassen“ konnte im Vertrauen auf meinen Master.

 

„Von ihm wollte ich von nun an ausgebildet und erzogen werden und dabei lernen ihm gegenüber meine eigene Person zurückzustellen, mich voll und ganz ihm und seinem Willen unterzuordnen. Meine ganze Ausrichtung meines Lebens sollte von ihm bestimmt werden. Mein Ziel war es immer tiefer in die Materie BDSM einzutauchen und die Treppe in die Dunkelheit hinunterzusteigen. Ich mochte meine Leitplanken und Grenzen kennen lernen, spüren, erfahren und wenn möglich über sie hinausgebracht werden und lernen zu wissen wann es für mich genug ist. Ich mochte Licht in das Dunkel meiner Abgründe bringen und mich daran erfreuen.

 

Bei all dem erhoffe ich mir heute noch selbstverständlich sexuelle Befriedigung – aber nicht nur! Ich erhoffe mir ausserdem näher zu mir selbst zu finden, zu meinem Geist, meinen innersten Gedanken und Bedürfnissen, zu meinem Körper, abschalten zu können und ruhiger in Körper und Geist zu werden, mutiger und selbstbewusster, durch die Erziehung vom Alltagsstress mich zu erholen. Ich muss nicht mehr entscheiden, sondern habe die Kontrolle abgegeben. Ich werde dadurch vielmehr überrascht.

 

Ein weiterer wesentlicher Punkt ist für mich die Bewältigung meiner Krankheit und die Aufarbeitung traumatischer Erfahrungen, wie ich bereits aus Erfahrung berichten kann. Gerade in den beiden BDSM-Beziehungen (später auch mit meinem zweiten Lebensgefährten und Ehemann) habe ich die Komponente der Liebe und der Zärtlichkeiten erfahren. Für mich ist BDSM somit auch eine Therapieform.

 

Ich wünsche mir also gerade aus der BDSM-Beziehung heraus und der ständigen Forderung und Förderung aus meiner Erstarrung mich lösen zu können. Ich fühle mich in meinem sklaven-sein zwanglos (bürgerlich betrachtet) somit frei (darum je mehr BDSM und weniger bürgerlich, desto besser) und dadurch sehr wohl. Indem ein Top oder Master also auf meine Neigungen eingeht, werde ich von ihm für meine "Dienste" belohnt.“

 

Ganz klar habe ich Erwartungen an einen Master dahingehend, dass er die Grundwerte, die ich bereits zur Partnerschaft erwähnt habe und meine Geisteshaltung in Bezug auf BDSM respektiert und teilt. Von ihm erwarte ich ausserdem Fachwissen und stetige Weiterbildung im Bereich des BDSM und den angewandten Mitteln und Spielsachen, grosse Aufmerksamkeit meiner Person in Bezug auf Körper, Geist und Verhalten, Konsequenz, Kraft und Entschlossenheit (gerade wegen unserer Liebe), Verständnis, Fairness und nicht zuletzt Grösse, indem der Top/Master mir gegenüber auch Fehler eingesteht und bereit ist, auch von mir zu lernen.

 

Ich weiss das ist anspruchsvoll und fast schon vermessen für einen sklaven. Doch gerade dadurch möchte ich auch meinen Top/Master in seiner Rolle fördern. Ich möchte ihn antreiben und motivieren, neue Sachen auszuprobieren, mich an neue Grenzen zu führen und dadurch auch seinen Horizont bezüglich BDSM zu erweitern. Aber alles in allem erwarte ich doch nur EINEN MENSCHEN in meinem Master.

 

Mein Top/Master und sein sklave michi sollen ein gemeinsames Team werden und so gemeinsam an Stärke nach aussen gewinnen und ein harmonisches, einträchtiges Bild abgeben. Die beidseitige Münze mit ihrer Prägung, die an Wert stetig zunimmt.

 

Eine Session im BDSM zeichnet sich immer klar ab durch einen eindeutigen Beginn und Ende. In meinen BDSM-Beziehungen kennzeichnete der eigentliche Beginn die damalige Entscheidung zur BDSM-Beziehung und dann leider auch das Ende, als sich der eine oder andere von dieser Entscheidung zurückgezogen hatte. Klar ist aber auch, dass das Alltagsleben das intensive Spiel des BDSM nicht im Sinne von 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr (24/7/365) zulässt, selbst dann nicht, wenn Master und sklave alleine zu Hause sind. Eine BDSM-Beziehung als eine Session 24/7/365 zu sehen ist eine Illusion und bleibt ein Wunschtraum. Diese Einsicht habe ich schon nach kurzer Zeit gewonnen. Es entstehen gezwungenermassen Frei- und Spielräume, die es eigentlich nach Vorstellung und Definition für mich nicht geben sollte. Doch das ist gerade das spannende daran, das die Übergänge sich fliessend zeigen oder ich plötzlich damit konfrontiert werde.

 

Doch verwirklicht wird der BDSM erst in der Längerfristigkeit. So gewinnt der BDSM gerade im Alltag sehr viel. Mit kleinen Dingen, ohne grosse Action, kann beidseitig viel Wirkung erzielt werden. Nicht nur Eingesperrt sein, Fesseln oder gar Schlagen, sondern mein Verhalten einem Top/Master gegenüber bei einem Spaziergang, bei einem Restaurant-Aufenthalt, beim Einkaufen oder einem Ausflug, da zeigt sich der wahre sklave. Für mich ist es sehr angenehm und geil zugleich, einen Top/Master nicht nur in meinem Leben, meinem Kopf, sondern auch an meiner Seite zu haben. Für mich gibt es kein Zurück mehr! Ich will diese Erfahrung machen und den Schritt sicherlich wieder wagen – wenn da das Vertrauen sich wieder finden wird..

 

Doch es bleibt etwas offen, wie es nicht schöner der maso in Paul's Bücher ausgedrückt hat: "Werden Sie mich so sehr lieben, wie es notwendig sein wird, um mir die Schmerzen und die Demütigungen zu bereiten, die ich brauchen werde, um meinem Anspruch an meine Rolle gerecht zu werden? Werde ich Sie genug lieben und achten, damit Sie mich voll beherrschen und kontrollieren können?"

 

Genau hier haben auch meine beiden Partner und ich immer wieder unsere Grenzen in unseren BDSM-Beziehungen erfahren. Doch auch unsere Unterschiedlichkeit machte es uns schwer in den BDSM-Beziehungen. Dies alles und mitunter auch meine natürliche Stärke und meine Intelligenz überforderten meine damaligen Partner oft in der Aufgabe des Masters, so wie wir zu Beginn die BDSM-Beziehungen angepackt haben und es der Wunsch damals war. Dies eingestehen zu müssen immer sehr schwer und eine schmerzliche Erfahrung für Beide Seiten. Sie hat sehr viel Glanz und Schimmer in der BDSM-Beziehung gekostet und wohl auch Träume beidseitig vernichtet. Dennoch siegte darüber hinweg unser fester Wille für einen Weg weiter in gleicher Richtung und wir suchten einfach nach anderen Formen und machten so eben Kompromisse zu unseren Träumen. Eine BDSM-Beziehung zu führen nach den Grundwerten wie zuvor beschrieben, ist nicht so einfach, wie gängig das Bild aus Medien entstehen könnte. Dennoch weiter daran festzuhalten und nach neuen Formen und Wegen zu suchen, macht es spannend. Leider bin ich bei beiden malen nach 9 Jahren am Ende dieses gemeinsamen Weges angekommen. Doch über unsere Trennungen hinaus, verbindet mich zu beiden Partnern nach wie vor eine tiefe Verbundenheit in meinem Herzen und wunderschöne Freundschaft.